Friedrichshafen (dim) Mit Karl-Heinz Wulle und Thomas Bittelmeyer bilden zwei Kandidaten der „Freien Liste“ die Spitze des neuen Tognum-Betriebsrates. In der konstituierenden Sitzung des Betriebsrates des Häfler Motorenbau-Unternehmens wurde am Mittwoch Wulle zum neuen Chef der Arbeitnehmer-Vertretung gewählt.
Friedrichshafen (dim) Mit Karl-Heinz Wulle und Thomas Bittelmeyer bilden zwei Kandidaten der „Freien Liste“ die Spitze des neuen Tognum-Betriebsrates. In der konstituierenden Sitzung des Betriebsrates des Häfler Motorenbau-Unternehmens wurde am Mittwoch Wulle zum neuen Chef der Arbeitnehmer-Vertretung gewählt. Er löst Patrick Müller ab. Bei den Abstimmungen über den Vorsitz wie über die Stellvertreter-Position gab es jeweils 18:13 Stimmen für die Kandidaten der Freien Liste. Die Freie Liste mit ihren 13 Sitzen und die Christliche Gewerkschaft Metall (fünf Sitze) können die Gruppe der Industriegewerkschaft Metall (IGM) mit ihren 13 Sitzen dominieren. Für die IGM war Michael Presser für beide Spitzenpositionen des Betriebsrats erfolglos als Gegenkandidat angetreten.
16.03.2010
Solidarisch mit Tognum-Kollegen
Friedrichshafen – Die bisherigen Ergebnisse der Betriebsratswahlen in Betrieben der Region standen bei der Delegierten-Versammlung der Industriegewerkschaft Metall (IGM) im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen im Mittelpunkt. Breiten Raum nahm nach einer Mitteilung der IGM das Ergebnis beim Häfler Motorenbauer Tognum AG ein.
Hier gibt es künftig ein Patt von 13:13 zwischen der IGM-Gruppe und einer „Freien Liste“ mit dem Ex-Betriebsratschef Karl-Heinz Wulle an der Spitze.
Nach Ansicht der rund 80 Delegierten aus allen Betrieben des Zuständigkeitsbereichs der IG Metall in Friedrichshafen und Oberschwaben habe sich die Tognum-Belegschaft offensichtlich für eine Wende in der bisherigen Arbeit des Betriebsrates entschieden.
Lilo Rademacher, Erste Bevollmächtigte der IGM, betonte, dass die bisherige Mannschaft um den noch amtierenden Tognum-Betriebsratschef Patrick Müller sehr qualifizierte Arbeit geleistet habe. Müller ist IGM-Mitglied. Nachweisbar hätte der bisherige Betriebsrat Beschäftigungs- und Einkommenssicherung für die gesamte Belegschaft im Auge gehabt, sagte Rademacher. „Beschäftigungssicherung bis 2010 durch das Programm ‚Jobaktiv', verbunden mit Ergänzungstarifverträgen, und die Baureihe 1600 auf den Weg gebracht.“ Und für die Beschäftigten der inzwischen verkauften Gelenkwellen-Tochter Rotorion, die nicht zum neuen Besitzer nach Haldensleben wechseln wollten, sei eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2011 erreicht worden. „Unbefristete Übernahme der Ausgelernten bis Sommer 2010 und das“, so Rademacher, „ohne Kurzarbeit in der schwersten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren.“ Offensichtlich sei dies von vielen Tognum-Beschäftigten nicht erkannt und bei der Wahl nicht gesehen worden. Entsetzt zeigten sich die Delegierten nach IGM-Angaben über die persönlichen Angriffe von der Spitze der „Freien“ gegenüber Patrick Müller.
Hans Kirchgässner und Achim Dietrich-Stephan, Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrates der ZF Friedrichshafen, betonten, eine noch engere Zusammenarbeit zwischen den beiden Großbetrieben vor Ort und den jeweiligen IG-Metall-Betriebsräten anzustreben.
Das Betriebsverfassungsgesetz hat den Gewerkschaften eine klare Rolle zugewiesen. Tarifverträge seien Aufgaben der Gewerkschaft, dies gelte auch für betriebliche Ergänzungs- und Zusatztarifverträge. Diese dürfen – auch auf einen Betrieb bezogen – nur durch die Gewerkschaft geschlossen werden. So deutlich formuliere es das Betriebsverfassungsgesetz. So genannte „Freie“ ohne Gewerkschaftsbindung hätten keine Legitimation hier zu handeln, macht die IGM deutlich.
16.03.2010
Metaller in Opposition
Gewerkschaftsmitglieder wollen für Tognum-Betriebsrat Gegenkandidaten stellen
Friedrichshafen – Aus der IG-Metall-Gruppe werde es auf jeden Fall Kandidaten für den Vorsitz und den Vize-Vorsitz des Tognum-Betriebsrates geben. Dies erklärte Lilo Rademacher, Erste Bevollmächtigte der IGM, in einem Gespräch mit dem SÜDKURIER.
Nach den Wahlen zum Betriebsrat beim Häfler Motorenbauer Tognum gibt es ein Patt von 13:13 Sitzen zwischen der Freien Liste um Karl-Heinz Wulle und der IGM-Liste mit Noch-Betriebsratschef Patrick Müller an der Spitze. Wulle hatte gegenüber unserer Zeitung erklärt, dass er um den Vorsitz kandidieren und bei der Wahl auf die fünf Betriebsräte der Christlichen Gewerkschaft (CGM) bauen werde.
Rademacher sagte, die IGM-Gruppe im Tognum-Betriebsrat sei nach der neuen Konstellation klar in einer Oppositionsrolle. Dennoch werde das Hauptaugenmerk weiter auf den Interessen der Belegschaft liegen. Dass im Vorfeld der Wahlen zum Betriebsrat den IGM-Vertretern anderes, auch auf Flugblättern durch die Freie Liste unterstellt wurde, bezeichnet sie als „ziemlich ärgerlich“. Vor allem Patrick Müller war Zielscheibe. Karl-Heinz Wulle, auch Mitglied der IGM, sagte auf unsere Nachfrage, von solchen Flugblättern sei ihm nichts bekannt.
13.03.2010
Erdrutsch bei Betriebsratswahll
Ergebnis der Betriebsratswahlen bei Tognum: Bisher gehörten dem 31-köpfigen Betriebsrat beim Motorenbauer Tognum 24 Mitglieder der Industriegewerkschaft Metall (IGM) an und sieben der konkurrierenden Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM). Zwei der IGM-Mitglieder hatten sich bereits während der nun endenden Amtsperiode abgespalten.
Sie fühlten sich nicht an von der IGM geprägte Beschlüsse gebunden. Nach der Wahl am Mittwoch bietet sich nun folgendes Bild: Nur noch 13 Sitze entfallen auf die Liste der IGM, 5 Sitze auf die CGM und 13 Sitze konnte auf Anhieb die Freie Liste erreichen.
Kandidat für den Vorsitz: Gegenüber dem SÜDKURIER erklärte Karl-Heinz Wulle von der Freien Liste, er werde um das Amt des Vorsitzenden des Tognum-Betriebsrats kandidieren. Seine Wahl kann als sicher gelten, da er auf die fünf christlichen Metaller im Betriebsrat bauen will, wie er in einem Gespräch mit dieser Zeitung sagte. Wulle war 1990 erstmals in den damaligen MTU-Betriebsrat gewählt worden. Von 1995 bis 2007 war er Vorsitzender des Gremiums. Wulle ist Mitglied der IGM und will dies auch blieben. Die konstituierende Sitzung des neuen Betriebsrates ist am 31. März vorgesehen.
Zwei Wahlverfahren: Für die Wahl eines Betriebsrats gibt es die Möglichkeit einer Persönlichkeits- oder die einer Listenwahl. Die Vertreter der IGM im Tognum-Betriebsrat wollten eine Persönlichkeitswahl, konnten sich aber nicht durchsetzen. Deshalb konnten die Beschäftigten nur zwischen drei Listen auswählen, der IGM-, der CGM-Liste und eben der Freien Liste. Die Zahl der Sitze wurde nach dem Anteil der Stimmen berechnet. 1826 Stimmen konnte die IGM auf sich vereinen, auf die Freie Liste entfielen 1780 und auf die CGM 677.
KOMMENTAR dazu von Manfred Dieterle-Jöchle
Schwierige Lage
Eines kann an dieser Stelle garantiert werden – Krach innerhalb des Betriebsrates der Tognum AG ist vorprogrammiert. Im Vorfeld der Wahl hatten sich vor allem die Freie Liste und die IG-Metaller heftig beharkt.
Nicht immer stand der Respekt gegenüber den Konkurrenten im Vordergrund. Angriffe teilweise unter der Gürtellinie hat es gegeben. Und nun haben die beiden großen Gruppen des zukünftigen Gremiums mit 13:13 eine Patt-Situation. Die kleine Gruppe der christlichen Gewerkschaft kann das Zünglein an der Waage spielen, denn nur eine CGM-Stimme führt zum Ziel. Karl-Heinz Wulle, der wieder Chef des Betriebsrates werden will, ist genauso wie Patrick Müller Mitglied der IG Metall. Das birgt zusätzlichen Sprengstoff. Deshalb wäre es besser, Wulle würde aus der Gewerkschaft austreten, dann ist wirklich ein Freier Chef der Freien Liste. Zumindest gegenüber unserer Zeitung wollte Wulle nichts von einem Austritt wissen. Alle diese Konfliktfelder bergen die große Gefahr, dass der Betriebsrat mehr mit sich selber beschäftigt ist, statt mit einer Stimme für die Belegschaft zu sprechen.
SCHWÄBISCHE ZEITUNG
01.04.2010
Wulle ist neuer Betriebsratschef
Gestern hat der am 10. März gewählte Tognum-Betriebsrat seinen Vorsitzenden gewählt. Erwartungsgemäß geht dieser Job an Karl-Heinz Wulle, der als Anführer der „Freien Liste“ zur Wahl angetreten war. Die Freie Liste hatte, genau wie die IG Metall, 13 Sitze ergattert, die Christliche Gewerkschaft Metall kam auf fünf. Zu Wulles Stellvertreter wurde Thomas Bittelmeyer gewählt, der ebenfalls auf der Freien Liste kandidiert hatte. Beide Kandidaten gingen mit einer Mehrheit von 18:13 Stimmen aus dem Rennen. Die CGM hat fünf Sitze im Betriebsrat, selbst aber keine Kandidaten für den Vorsitz gestellt. Auch im geschäftsführenden Ausschuss des Betriebsrats dominiert die Freie Liste mit fünf Mitgliedern. Drei IG Metaller und ein CGMler sitzen außerdem im Ausschuss. Für die IG Metall hatte sich Michael Presser zur Wahl gestellt. Der bisherige Betriebsratsvorsitzende Patrick Müller trat nicht mehr an, da er gemeinsam mit seinem bisherigen Stellvertreter Heinz Brechtel „die volle Verantwortung für das Wahlergebnis übernimmt“, wie Müller auf Anfrage der SZ sagte. Er wird sein Betriebsratsmandat zwar behalten, aber nicht mehr als freigestellter Gewerkschafter agieren. Der neue Vorsitzende Karl-Heinz Wulle wertet das Wahlergebnis als „Signal für Veränderungen“. Er will „mit allen Fraktionen vernünftig zusammenarbeiten“, an Sachthemen rangehen und die IG Metall dabei nicht außen vor lassen, sagte Wulle gestern.
20.03.2010 in der Rubrik "SPIESSGESELLEN"
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Wir wundern uns außerdem darüber, was dieser Tage bei der Tognum AG abgeht. Da wird ein Betriebsrat demontiert, der - misst man ihn allein an dem, was er während der Krise für Belegschaft rausgeschlagen hat - einen guten Job gemacht hat. Das sieht ein gutes Drittel der Häfler Mitarbeiter aber offenbar anders. Liegt’s daran, dass bei manch alteingessenem MTU-ler noch nicht angekommen ist, dass die Zeiten sich geändert haben, Kompromisse (zumal in einem börsennotierten Unternehmen) überlebensnotwendig sind und das selbstverständliche Handaufhalten früherer Tage heute schlicht und einfach nicht mehr praktikabel ist?
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16.03.2010
Tognum-Betriebsratswahl
IG Metall wird abgewatscht
FRIEDRICHSHAFEN - Die Betriebsratswahl bei Tognum/MTU wirbelt Staub auf: Die erstmals angetretene Freie Liste stellt ebenso viele Kandidaten wie die IG Metall -- deren Bezirkschefin kocht. Pikant: Der ehemalige Betriebsratschef ist somit zurück, nachdem er vor zweieinhalb Jahren das Handtuch geworfen hatte.
Von unserer RedakteurinRuth Auchter
Dass die IG-Metall-Sitze im Betriebsrat von 24 Sitzen auf 13 geschrumpft sind, macht nicht nur den bisherigen Vorsitzenden Patrick Müller fassungslos: Immerhin, sagt der Metaller, habe man es in der Krise geschafft, trotz eines Umsatzeinbruchs von knapp 700 Millionen Euro Entlassungen zu vermeiden. Und der Mutterkonzern habe zudem zugesichert, nach dem Verkauf der Gelenkwellensparte Rotorion deren mehr als 500 Mitarbeiter zu übernehmen.
Lilo Rademacher, erste Bevollmächtigte der IG Metall Friedrichshafen-Oberschwaben, ist es ebenfalls schleierhaft, wieso die Belegschaft offenbar „nicht erkannt hat, was wir für sie rausgeholt haben“. Genauso wenig versteht sie, dass fast ein Drittel der 6000 Tognum-Mitarbeiter am Standort Friedrichshafen mit der Freien Liste auch für deren Spitzenkandidaten Karl-Heinz Wulle votierten -- immerhin habe der erst nach einem Gerichtsurteil, wie vertraglich mit der IG Metall vereinbart, seine Tantiemen als Aufsichtsrat an die DGB-nahe Hans-Böckler-Stiftung abgeführt.
Wulle hatte im Frühjahr 2007 nach zwölf Jahren als Betriebsratschef das Handtuch geworfen -- „aus persönlichen Gründen“, wie er damals sagte. Heute sagt er: „Weil die Mannschaft nicht hinter mir stand, hab ich die Reißleine gezogen.“ Er wirft den seitherigen Betriebsratskollegen einen Kuschelkurs mit der Konzernführung vor und will bei den Oberen „kritischer nachfragen“.
Markiert das Ergebnis den Beginn bröckelnden IG-Metall-Einflusses in anderen Betrieben? Das glaubt Rademacher nicht. Die IG Metall bleibe die tarifvertragschließende Partei. Sie hält Tognum für einen Sonderfall, da die Freie Liste nicht gezögert habe, insbesondere den Noch-Vorsitzenden „mit Dreck zu beschmeißen“.
Auch Hans Kirchgässner, Metaller und Betriebsratschef beim zweiten Friedrichshafener Großkonzern ZF, bedauert das Wahlergebnis: In Krisenzeiten sei es einfach, die Arbeitnehmervertreter mitsamt den Kompromissen, die sie schließen, zu kritisieren. Dass Müller nun erneut zum Betriebsratschef gewählt wird, ist unwahrscheinlich, da die Christliche Gewerkschaft Metall, mit fünf Sitzen im neuen Betriebsrat vertreten, Wulle unterstützen will.
Patrick MüllerFotos: Auchter
15.03.2010
IG Metall-Chefin Lilo Rademacher greift Wahlsieger Karl-Heinz Wulle an
Bei der Tognum-Betriebsratswahl ist die IG Metall abgewatscht worden: Ihre einst 24 Sitze schrumpften auf 13 -- genau so viele bekam die Freie Liste aus dem Stand. „Freie“ Gewerkschafter gehen bei ZF und Zeppelin zwar nicht ins Rennen. Allein: Auch dort herrscht ebenso wie bei der IG Metall Unmut über die Wahl.
(FRIEDRICHSHAFEN/sz) Von unserer Redakteurin Ruth Auchter
„Es ist bedauerlich und unverständlich, dass die Freie Liste so viele Sitze bekam“, sagt Lilo Rademacher, 1. Bevollmächtigte der IG Metall Friedrichshafen-Oberschwaben. Unverständlich zumal vor dem Hintergrund, dass „wir im Interesse der Belegschaft eine sachbezogene Arbeit gemacht haben, die darauf ausgerichtet war, Arbeitsplätze zu sichern“, fügt Rademacher hinzu. Und verweist etwa auf die Tarifverträge, auf eine Sonderzahlung der Unternehmensleitung zur betrieblichen Altersvorsorge oder die Betriebsvereinbarung mit den Rotorianern, für die der Betriebsrat nach dem Verkauf der Gelenkwellensparte nicht nur eine Übernahme durch den Mutterkonzern, sondern zudem eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2011 erreichte. Dennoch hätten die Tognum-Mitarbeiter offenbar „nicht erkannt“, was man für sie „rausgeholt hat“, bedauert Rademacher.
Heribert Hierholzer, Metaller und Betriebsratsvorsitzender bei Zeppelin Silos & Systems, sieht im Tognum-Ergebnis „keinen Trend gegen die IG Metall“ heraufziehen, ist sich aber im Klaren, dass ein Betriebsrat in einer Wirtschaftskrise wie zur aktuellen „die Probleme ernst nehmen und auch mal nachgeben muss“. Vor diesem Hintergrund sei’s für die Arbeitnehmer bisweilen „ganz schwer“, fügt der ZF-Betriebsratsvorsitzende Hans Kirchgässner, ebenfalls Metaller, hinzu, der Belegschaft zu vermitteln, was man mit der Konzernleitung im Detail zuwege gebracht hat. Insofern habe es eine Konkurrenzliste bei Betriebsratswahlen in einer Krise „relativ einfach, Kritik anzuführen“. Kirchgässner, der die „sehr gute Qualität der Zusammenarbeit mit den Tognum-Betriebsratskollegen unter dem Vorsitzenden Patrick Müller“ schätze, ist überzeugt: Diese Ohrfeige „hat die Mannschaft nicht verdient“.
Bei ZF, wo die Betriebsratswahl am 25. März ansteht, geht außer der IG Metall nur die Christliche Gewerkschaft Metall (CGM) ins Rennen; bei Zeppelin Silos & Systems sind sämtliche Betriebsratskandidaten Metaller, „es ist aber eine persönliche Wahl“, betont Hierholzer. Bei ZF hat eine Freie Liste nur in den 90er Jahren mal für kurze Zeit mitgemischt.
„Machen weiter saubere Arbeit“
Es habe seinerzeit der Verdacht kursiert, dass die „Freien“- Betriebsräte als Strohmänner für Abteilungsleiter fungierten. Jedenfalls hätten sie sich „nie groß in die konkrete Arbeit eingebracht“, erinnert sich Kirchgässner.
Ähnliches gibt Lilo Rademacher zu Protokoll: Immer wieder mal hätte sich landesweit in der Vergangenheit herausgestellt, dass hinter sogenannten Freien Listen Mitarbeiter stecken, die sich von Arbeitgeberseite finanzieren ließen, „um die IG Metall zu schwächen“. Im Übrigen fragt sich die 1. Bevollmächtigte, „von wem die Freien Listen eigentlich frei sein wollen?“. Einen generellen Trend dahin gehend, dass die IG Metaller aus den Betriebsräten rausgedrängt werden könnten, befürchtet Rademacher im Zuge des Tognum-Wahlergebnisses nicht: Zum Einen sei nach wie vor die IG Metall „die tarifvertragschließende Partei“. Zum Anderen werde die nun reduzierte Metaller-Betriebsratstruppe bei Tognum/MTU „weiterhin saubere inhaltliche Arbeit machen“, an der sich die Freien Liste mitsamt den fünf CGM-Vertretern messen lassen müsse. Immerhin seien die IG Metaller allesamt erfahrene Betriebsräte -- neun der „Freien“ hingegen hätten bislang keinerlei Erfahrung in Sachen Gewerkschaftsarbeit.
Tantiemen für sich behalten
Wie lange es dauert, bis man da ein Grundlagenwissen drauf hat? „Mindestens vier Jahre“, sagt die 1. Bevollmächtigte. Im Übrigen hegt sie die Vermutung, dass die MTUler dem bisherigen Betriebsrat möglicherweise eher einen Denkzettel verpassen, als ihn in die Wüste schicken wollten. Sie ist jedenfalls davon überzeugt, dass die Belegschaft mit dem Ergebnis „im Grunde gegen sich selbst gestimmt hat“.
Zu dem Umstand, dass im Vorfeld der Wahl Handzettel kursierten, auf denen die Freie Liste den Noch-Betriebsratsvorsitzenden Patrick Müller teilweise persönlich diffamierte, sagt Rademacher: „Wenn Sie jemanden mit Dreck beschmeißen und absurde Gerüchte in die Welt setzen -- was soll man da machen?“ Sie ist ebenso wie Kirchgässner überzeugt, dass Müller, „die Vorwürfe absolut nicht verdient hat“. Schlechte Erfahrungen hat die 1. Bevollmächtige des IG Metall-Bezirks hingegen mit Karl-Heinz Wulle gemacht, der seinen Job als Betriebsratschef vor zweieinhalb Jahren quittiert und somit „den gesamten Betriebsrat im Stich gelassen“ habe. Schwerer wiegt für Rademacher, dass Wulle -- der damals auch im MTU-Aufsichtsrat saß -- seine dort angefallenen Tantiemen nicht wie vertraglich vereinbart an die DGB-nahe Hans-Böckler-Stiftung abführte. Nach einem Gerichtsurteil habe er das Geld schließlich nachzahlen müssen, so Rademacher. Und findet, dass sich in solch einem Verhalten „die Haltung eines Menschen zeigt“.
Und was sagt Karl-Heinz Wulle zu den Vorwürfen? „Es waren von mir Beträge abzuführen, die nicht abgeführt wurden“, räumt er ein. Die Sache sei in einem gerichtlichen Vergleich erledigt worden und für ihn nun „abgedient“. Die Tognum-Konzernspitze hält sich mit Kommentaren zur Wahl vornehm zurück und lässt über einen Unternehmenssprecher lediglich verlauten, man sehe mit dem künftigen Betriebsrat „einer konstruktiven Zusammenarbeit“ entgegen.
(Erschienen: 15.03.2010 18:30)
Rademacher liest Wulle die Leviten
FRIEDRICHSHAFEN (sz) - Die Bezirkschefin der IG Metall versteht nicht, wieso die Tognum-Belegschaft den Betriebsrat dafür abgestraft hat, dass er „so viel für die Mitarbeiter rausgeholt hat“. Lilo Rademacher greift zudem den designierten Betriebsratschef Karl-Heinz Wulle an. Friedrichshafen
13.03.2010
Tognum/MTU
Betriebsratschef Wulle ist zurück
FRIEDRICHSHAFEN - Wie’s aussieht, ist der ehemalige Betriebsratsvorsitzende auch der zukünftige: Karl-Heinz Wulle hatte im Mai 2007 seinen Job „aus persönlichen Gründen quittiert“, wie er sagte. Nun beerbt er als Anführer der erstmals angetretenen Freien Liste wohl den IG-Metaller Patrick Müller.
Von unserer RedakteurinRuth Auchter
Lange Gesichter und Fassungslosigkeit bei den IG Metallern -- Freude bei den Gewerkschaftern der Freien Liste: Das Ergebnis der Betriebsratswahl bei Tognum/MTU am Standort Friedrichshafen ist eine kleine Sensation. Die IG Metall wird abgewatscht und verliert zahlreiche Sitze an die neu ins Spiel gekommene Freie Liste: Wie die SZ berichtete, hat die Freie Liste bei der Wahl am Mittwoch auf Anhieb 13 Sitze ergattert. Die IG Metall brachte es ebenfalls nur noch auf 13 Sitze -- bei der letzten Wahl vor vier Jahren hatte sie 24 Sitze bekommen, wobei drei IG Metaller sich danach „abgespalten“ hatten und diesmal für die „Freien“ ins Rennen gegangen sind. Die Christliche Gewerkschaft Metall (CGM) ist mit fünf statt wie bisher mit sieben Sitzen im künftigen Betriebsrat vertreten.
Patrick Müller, der nach Karl-Heinz Wulles Rücktritt als Betriebsratsvorsitzender die Wogen im Gremium geglättet hatte, ist fassungslos: „Wir sind überzeugt, dass wir bei sämtlichen Themen das maximal Mögliche für die Belegschaft herausgeholt haben.“ Immerhin habe es am Standort „trotz eines krisenbedingten Umsatzeinbruchs von knapp 700 Millionen Euro keine Entlassungen gegeben“ -- dank des vom Betriebsrat ausgehandelten Job Aktiv-Programms.
Auch Kurzarbeit hat Tognum/MTU bisher umschifft -- „trotz echter Beschäftigungsprobleme in einigen Abteilungen in 2009“, wie Müller deutlich macht. Auch bei der Beschäftigungssicherung für die Rotorion-Mitarbeiter, die weiterhin bei Tognum bleiben wollen, hatte sich der Betriebsrat reingehängt. Allein: Ein Gutteil der Mitarbeiter sieht das offenbar anders. „Es scheint uns nicht gelungen zu sein, unsere Arbeit entsprechend darzustellen“, sagt Müller. Und will mit seinem Team dennoch „weiterhin gute Arbeit für die Belegschaft machen“.
Klares Zeichen für Neuanfang
Auch unter einem Betriebsratsvorsitzenden Karl-Heinz Wulle. Dieser dürfte am 31. März wohl von Freier Liste und CGM gewählt werden, gibt Franz Benz (CGM) auf Anfrage der SZ doch zu Protokoll: „Die Belegschaft hat ein klares Zeichen für einen Neuanfang gesetzt.“ Wie der aussehen soll? „Wir wollen stärker für die Beschäftigten da sein“, sagt Wulle. Er wirft seinem Vorgänger vor, er habe die Unternehmensleitung bei bestimmten Themen „zu sehr laufen lassen“. So kritisiert Wulle etwa, dass die MTUler nun keinen Urlaub mehr ins neue Jahr mitnehmen dürfen: „Krise hin oder her -- wo bleibt da der Mitarbeiter?“ Freilich weiß auch Wulle, dass es „keine leichte Aufgabe“ ist, die ihn nun in den kommenden vier Jahren erwartet.
Trotz der Querelen mit den einstigen Kollegen, die seinerzeit „nicht hinter mir gestanden haben“, will er mit allen Betriebsräten gut zusammenarbeiten. Abgesehen davon räumt Wulle ein, dass der bisherige Betriebsrat „nicht alles schlecht gemacht“ habe -- an vielen Stellen sei jedoch ein „kritisches Nachfragen“ in Richtung Konzernspitze angesagt.
12.03.2010
Tognum/MTU
IG Metall verliert Betriebsratssitze
FRIEDRICHSHAFEN (rut) - Die Belegschaft von Tognum/MTU am Standort Friedrichshafen hat einen neuen Betriebsrat gewählt. Die IG Metall verliert acht ihrer bislang 21 Sitze und kommt wie die „Freie Liste“ künftig auf 13 Sitze; fünf Sitze gehen an die Christliche Gewerkschaft Metall (CGM).
Die IG Metall trat mit 84 Kandidaten an, die CGM mit 60, und die Freie Liste -- bei Betriebsratswahlen zum ersten Mal mit von der Partie -- bot 29 Kandidaten auf. So wählten die rund 6000 Mitarbeiter am Donnerstag: Laut vorläufigem Ergebnis kam die IG Metall auf 1826 Stimmen, die CGM auf 677, die Freie Liste schaffte es auf Anhieb auf 1780 Stimmen. Drei Betriebsräte, die bei der letzten Wahl für die IG Metall gewählt worden waren, sind schon länger aus dem Team der Metaller ausgeschert und nun auf der Freien Liste angetreten. Deren Spitzenkandidat ist kein Unbekannter: Karl-Heinz Wulle, der im Sommer 2007 als Betriebsratsvorsitzender „aus persönlichen Gründen“, wie er sagte, zurückgetreten war, will offenbar wieder mitmischen. Diesmal freilich nicht wieder für die IG Metall.